Mittwoch, 27. Dezember 2017

Besuch bei alten Damen

*07.05.2017*
Der Blick aus dem Fenster lässt nichts Gutes ahnen. Es ist grau und die Straße sieht feucht aus. Um das zu erkennen, brauche ich keine Brille. Ich verschwinde im Bad und mache mich fertig. Ein Blick noch auf die Wetterapp, es wird heute auf jeden Fall noch mehr Regen geben, und danach gehe ich erst einmal hinunter zum Frühstück.
Unten sind schon einige im Aufbruch begriffen, andere dagegen offenbar noch gar nicht aufgestanden. Ich suche mir die Dinge her, die ich gerne mag und suche mir einen freien Platz. Die Gespräche drehen sich um Touren, die man schon gefahren ist, um Sitzhöhen und um blöde andere Motorradfahrer. Im Prinzip ist das wie eine Facebookgruppe. Nur in echt.

Nach dem Frühstück gehe ich, meine restlichen Sachen zu verpacken und trage die Koffer runter zu Gesa. Ich habe im Ganzen drei Gepäckstücke plus den Helm. Und mich. Als ich vor die Türe trete, ist es zwar trocken, aber der Regen hängt noch in der Luft. Ich wische das Wasser von Gesas "Tank" und schnalle den Tankrucksack auf ihr fest. Das Bremsscheibenschloss kommt in seinen Beutel und in den Tankrucksack und danach die beiden Koffer an ihre Halter. Hinter mir werden schon die ersten Motoren gestartet und es kommt langsam Bewegung in die Gruppe. Der Hund des Hauses tapert durch die Reihen der Motorräder und lässt sich von allen nacheinander den Rücken kratzen.
Ich laufe noch mal rasch in das Haus und bezahle mein Zimmer und danach bin ich im Prinzip reisefertig. Einen Plan, wie ich fahren möchte, habe ich auch schon. Mittlerweile setzt das große Aufbrechen ein.
Es wird sich gegenseitig gedrückt, gewinkt und gerufen und dann fahren einzelne, oder kleine Gruppen davon. Ich bin eine von den letzten, die losfahren.

Meine Strecke führt mich zunächst in Richtung Trier. Eine Weile folgt mir noch Claudia mit ihrer W800, aber dann biegt sie irgendwann ab und fährt in Richtung Mosel weiter. Ich habe keine Lust auf die Serpentinen bei dem Wetter und halte weiter auf Trier zu. Die Straße ist zum Teil schnurgerade und gut ausgebaut. Es gibt irgendwo ein altes Rasthaus und Gesa und ich kommen durch ein oder zwei langezogene Dörfer. Hier möchte ich nicht wohnen. Weder jetzt bei Regen, noch im Sommer, wenn alles heiß und staubig ist.
Trier kommt näher. Der Verkehr wird etwas dichter und es hat leicht angefangen zu regnen. Die Straße ist nass und es geht in langen Kurven in Richtung Moselbrücke hinab. Trier selbst werde ich auch dieses Mal links liegen lassen. Trier ist eigentlich eine ganz nette Stadt, hier kann man gut einkaufen, allerdings nicht an einem Sonntagvormittag und bei Regen schon gar nicht. Aber das Schicksal teilt sie mit vielen Städten. Triers größter Nachteil ist, daß es immer weit weg ist. Man fährt ewig, bis man dort ist. Früher, als die Straßen im Hunsrück noch nicht so gut ausgebaut waren. war das wirklich ein übler Ritt. Aber auch heute ist das, selbst wenn man forciert fährt, von Mainz eine Tour von gut zweieinhalb Stunden.
Ich möchte heute nicht auf der Autobahn die Stadt verlassen, sondern habe mir eine Straße herausgesucht, die etwas versteckt verläuft. Ich muss hinter dem Verteilerkreisel nur der Straße parallel der Autobahn folgen, so wie ich es im Herbst vor drei Jahren auch getan habe und dann abbiegen. So der Plan. Bald nach dem Kreisel werde ich zunächst einmal auf eine Umleitung geschickt. Diese führt um die zentrale Flüchtlingsaufnahmestelle herum und leitet mich ein paar hundert Meter weiter doch wieder auf die Straße, auf die ich eigentlich wollte.
Meine Stelle, an der ich abbiegen möchte, finde ich, wenn auch nicht gleich, und gelange in ein schmales Tal. Dieses Tal erweitert sich bald und ich fühle mich ein wenig wie im Allgäu.

Die Straße schlängelt sich noch durch einen Vorort und beginnt dann anzusteigen. Das wird vermutlich früher, bevor es die Autobahn gab, der Hauptverkehrsweg gewesen sein. Heute ist es eine unbedeutende Straße, die sich dem Verlauf der Landschaft folgend, den Berg hinaufwindet. Oben angekommen, brauche ich nur noch den Wegweisern nach Hermeskeil zu folgen. Ich habe die Autobahn gequert und fahre vorbei an Hinzert. Hier gibt es eine KZ - Gedenkstätte, eine von zweien in Rheinland - Pfalz. In Hinzert waren in der Mehrzahl Luxemburgische Gefangene festgehalten und gequält worden. Es war, ähnlich wie Osthofen kein Vernichtungslager und hatte auch nicht die Ausmaße, wie etwas Bergen Belsen, Dachau, oder Buchenwald. Aber es war da und es hat Menschenleben gekostet. Menschenleben eigentlich völlig unbescholtener Bürger. Deren Fehler es häufig war, den verkehrten Geburtseintrag gehabt zu haben, oder eine von der vorgegebenen Meinung abweichende Haltung.
Diesen Gedanken hänge ich noch nach, als ich nach ein paar Kilometern Hermeskeil erreiche. Ich komme einen Hügel hinabgefahren, rechts an der ehemaligen Kaserne vorbei und biege in die Ortschaft ab. An der Unterführung unter der Eisenbahn sehe ich eine Hinweistafel auf das Dampflokmuseum. Hier bin ich mit meinen Vater irgendwann Ende der 80er, Anfang der 90er ein oder zwei Mal gewesen. Das war eine irre Ansammlung alter, verrosteter, teils verrotteter Lokomotiven. Manche waren damals schon kaum mehr als ein Torso.
Eigentlich mal wieder Zeit, bei den alten Damen vorbeizuschauen. Heute ist Sonntag, vielleicht ist ja geöffnet? Ich biege in Richtung Bahnhof ab. Hier gibt es einen kleinen Busbahnhof und ein altes Empfangsgebäude. Daß sich hier wirklich etwas abspielt, das kann man sich kaum vorstellen. Ich parke Gesa vor dem Bahnhofsgebäude und nehme meinen Tankrucksack und den Helm.
Es ist ein hoher, grüner Metallzaun um das Gelände gezogen, um es vor Piraten zu schützen. Es gibt eine Pforte, die allerdings verschlossen ist und eine Klingel. Bei der Klingel hängt ein Schild "geöffnet" und der Hinweis, man möge die Klingel betätigen, wenn man hinein wollte. Ich tue, wie mir geheißen wurde und warte. Nach einem kurzen Moment erscheint ein älterer, etwas vollschlanker Mann im Bild und kommt auf die Pforte zu. Vermutlich hat er auf eine Gruppe, oder mindestens Familie gehofft. Er öffnet mir, begrüßt mich und geht mit mir vor zum Lokomotivschuppen. Hier kassiert er meinen Eintritt und gibt mir ein kleines Faltblatt und danach darf ich alleine auf Erkundung gehen.
Vor dem Lokschuppen findet sich eine kleine Drehscheibe und dahinter erstreckt sich das Areal. Ich kann schon eine Menge alter Lokomitiven erkennen, manche sind zugedeckt, ein oder zwei sogar eingerüstet. Hier schient sich doch noch etwas zu tun. Ich betrete den Lokschuppen. Im Halbdunkel der Rotunde türmen sich stählerne Ungetüme vor mir auf. Unter den schwarzen findet sich auch ein rotes Ungetüm, eine Diesellok russischen Fabrikats.
Ich schlendere um die riesigen Lokomotiven. Der Geruch von altem Schmieröl und Staub liegt in der Luft. Es ist ein ganz eigentümlicher Geruch, der da hängt. Man findet ihn in vielen dieser alten Lokomotivschuppen. Neben der Ölnote ist da auch noch etwas anderes. Etwas, das an Kohle und Feuer erinnert.
Einen  Moment denke ich noch, vielleicht gesellt sich der Mann vom Eingang noch zu mir und erzählt etwas zu den Exponaten, aber außer daß jemand ein Licht anknipst und dann wieder verschwindet, passiert nichts. Ich schaue mir alles ganz alleine an, niemand hindert mich, in einen Führerstand zu steigen, oder Fotos zu machen.


Nach einer Weile trete ich wieder vor die Tür und sehe mich auf dem Gelände um. Hier sieht es wirklich eher wie ein Lokfriedhof aus. In langen Reihen sind sie abgestellt, Maschinen, hauptsächlich aus der ehemaligen DDR, in allen Erhaltungszuständen.
Manche sind offenbar schon als Schrott, oder als Torso, oder Dampfspender hier angekommen. Zwischen den Dampflokomitven finden sich auch ein paar alte grüne Elektrolok.
Auch hier ist alles dabei, von noch fast OK bis ziemlich verrottet. Ich schaue in den Sandkasten bei einer dieser Ellok. Da ist sogar noch Sand drinnen. Man hat sie einfach so wie sie waren hier hergerbracht, ohne sie zu konservierern.
Weiter hinten wachsen ein paar sehr alt aussehende Maschinen in den Boden. Sie müssen aus Rumänien oder so gekommen sein.  An ihren Seiten tragen sie fremdländische Zeichen. Der Zustand ist allerdings auch hier mehr als erbärmlich.
Ich mache ein paar Bilder und gehe eine andere Reihe zwischen den Lokomitiven wieder zurück zum Lokschuppen. Hier stehen auch etliche alte Dampflokomotiven in bisweilen recht fragwürdigem Zustand.
Aber es ist dennoch hochinteressant so alleine dort zwischen den alten Dampfrössern umherzustöbern. An manchen sieht man noch alte Anschriften, manche waren mobile Dampfspender und wurden für diese Aufgabe auf das nötigste reduziert, andere tragen noch die letzte Beheimatung an ihren Führerhäusern.
Ich mache noch eine Runde um die Drehscheibe und finde mich dann wieder beim Lokschuppen ein um meinen Helm und den Tankrucksack abzuholen. 
Der Mann, der mich eingelassen hat, ist nicht mehr dort, statt seiner passt nun eine ältere Asiatin auf die Ausstellungsstücke auf. Sie spricht nur wenig Deutsch und so kommt kein wirklicher Dialog zustande. Ich nehme meine Sachen und verabeschiede mich. 
Gesa wartet immer noch artig vor dem Bahnhofsgebäude auf mich und nach ein paar Augenblicken habe ich mich fertig gemacht und lasse den Motor an. - Was ist das? "Lamp" steht da in der Anzeige. Ich halte die Hand vor den Scheinwerfer. Es ist klar, die Abblendlichtbirne ist kaputt. Hm. Sonst ist sie entweder bei Louis vor der Tür kaputt gegegangen, oder bei mir zu Hause. Wo soll ich denn hier so eine Lampe herbekommen? - Moment, da war doch diese Tankstelle vorhin, als ich in den Ort fuhr. Ich drehe mich um und kann ihre Rückseite sehen. Ich fahre also eine kleine Wende und schwenke auf den Hof der Tankstelle ein. Da Gesa ganz normale Lampen braucht, habe ich keine Probleme, im Laden eine zu finden. Das Auswechseln ist bei Gesa kindereinfach, ich muss nur mit der Hand unter das Anzeigeinstrument greifen und dort einen Deckel abdrehen. Dann komme ich ganz bequem und ohne Werkzeug an die Lampe. 
Nach wenigen Momenten ist das Missgeschick ausgebügelt und wir haben wieder volles Licht. Das ist auch gut, denn der Himmel ist nach wie vor düster und es liegt Regen in der Luft. 

Ich verlasse Hermeskeil in Richtung Nonnweiler. Es ist keine allzugroße Straße, die ich da fahre. Ich komme durch Nonnweiler, sehe den Autohändler, bei dem ich mal vor ein paar Jahren gestrandet bin und brumme weiter in Richtung Birkenfeld. Ein paar Dörfer später rolle ich auch hier durch eine sonntäglich ausgestorbene Stadt. Ich fahre auf die Bundeststraße nach Idar Oberstein. Der Himmel ist noch düsterer, als er es ohnehin schon gewesen ist. Bis Niederbrombach komme ich, dann bricht der Regen los. Ich kann mich auf einem Schulparkplatz eben noch unterstellen. Nach ein paar Minuten, als ich schon zu Gesa laufen und meine Regenkombi aus dem Koffer holen will, hört es eben so schlagartig wieder auf zu regnen, wie es angefangen hatte. Ein paar Trofen noch und dann ist wieder tiefster Friede. Ich schaue mich ungläubig um. Ein Blick auf die Wetterapp, nö, das war's erst mal. Also weiter. Ich komme nach ein paar Kilometern nach Idar Oberstein hinein. Wie ich gerade in die Stadt heineinfahre, ruft mein alter Kollege Dieter an. Da ich aber eine Freisprechanlage im Helm habe, muss ich nicht anhalten.
Ich fahre auf der Nahe, die man hier einfach überbaut hat und durch einen Tunnel und bin auch schon wieder draußen. An diesem Sonntagmittag ist nicht viel los und ich komme gut vorwärts. Links ab geht es zu dem Dorf, in dem das unglückliche Mädchen gewohnt hatte, mit dem ich vor ein paar Jahren beruflich einmal zu tun gehabt hatte. Sie hatte sich zu einer dieser Reality - TV Shows angemeldet und ist dort ziemlich übel über den Tisch gezogen worden. Ihre Geschichte hat später sehr traurig geendet. Ein Glück hat sie nie gefunden. Im letzten Sommer füllten Meldungen die Tagespresse, daß sie von ihrem neuen Freund in Mecklenburg ermordet worden sei.
Mit diesen Gedanken rolle ich an der Nahe entlang. Das Wetter verschlechtert sich. Ich sehe die Regenwolken. Es besteht kein Zweifel, trocken komme ich nicht nach Hause. Kurz vor Monzingen fängt es richtig an zu regnen und es sieht diesmal nicht nach einem Schauer aus. Ich suche mir einen Platz, an dem ich meine Regenkombi anziehen  kann. Ich biege an der Ampel ab und fahre hinter einem Bahnübergang links. Dort ist ein kleines Haltestellenhäuschen. Hierhin flüchte ich mich. Wie ich mich wieder fertig mache, um weiterzufahren fällt mein Blick auf ein paar verwelkte Blumen und eine kleine Tafel. Hier ist ein Unfall gewesen, bei dem ein Zug das Auto von fünf jungen Männern erfasst hatte. Urg. Ich sehe zu, daß ich diese Stelle verlasse.
Der Regen hat zugenommen und es hat sich richtig eingeregnet. Ich spule einfach meine Kilometer herunter. Durch die Gischt der Autos ist mitunter kaum etwas zu sehen. Ich bin froh, wenn ich nachher zu Hause bin. Als ich an Bad Kreuznach vorbei bin, ist es nicht mehr weit.
Ein paar Kilometer noch über Land und dann tickt Gesa auch schon wieder in ihrer Garage. Die Regenkombi, die Koffer und Gesa sehen aus, als wäre ich sonstwo gewesen. Überall ist Sand und Dreck. Ich stelle erst einmal alles in den Flur und pelle mich aus der gelben Hülle. Jetzt erst einmal in normale, trockene Klamotten und danach einen Kaffee!



Das war ein wirklich tolles Wochenende! Es war anstrengend, aber auch sehr schön. Es hat riesigen Spaß gemacht, die ganzen Leute wiederzusehen und mit ihnen eine schöne Zeit zu haben.
Montag werde ich wieder in aller Herrgottsfrühe aufbrechen müssen, um in Frankfurt die Schulbank zu drücken. Aber nur noch für ein paar Wochen!